[Rezension] "Bis ans Ende der Geschichte" von Jodi Picoult


Klappentext:

Sage Singer ist eine junge Bäckerin. Sie hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren und fühlt sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Um den Verlust zu verarbeiten, nimmt sie an einer Trauergruppe teil. Dort lernt sie den 90jährigen Josef Weber kennen. Trotz des großen Altersunterschieds haben Sage und Josef ein Gespür für die verdeckten Wunden des anderen, und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Josef ihr eines Tages ein lang verschwiegenes, entsetzliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das allerdings nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem moralischen Dilemma: Denn wo befindet sich die Grenze zwischen Hilfe und einem Vergehen, Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade?


Meine Meinung:

Jodi Picoult gehört schon seit längerem zu meinen Lieblingsautorinnen. Daher war ich auf das Erscheinen dieses Roman sehr gespannt. Beim Lesen dachte ich dann irgendwann nur noch WOW. Jodi Picoult schreibt hier mit so viel Herz und Tiefgang zugleich, wie schon lange nicht mehr.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die junge Sage, die sich die Schuld am Tod ihrer Mutter gibt und daher eine Trauergruppe besucht. Dort lernt sie den 90jährigen Josef kennen, der sie bittet ihm beim Sterben zu helfen, ihr aber vorher sein dunkles und entsetzliches Geheimnis erzählt: Er war Mittäter im NS-Regime und ist für die Ermordung von unendlich vielen Menschen verantwortlich. Sage ist nun moralisch hin und her gerissen zwischen Gnade für den alten Mann und den Wunsch nach der gerechten Strafe für einen Massenmörder.
Obwohl Sage aus einer jüdischen Familie stammt, sieht sie sich selbst nicht als Jüdin. Daher hat sie sich bislang nie viele Gedanken über die Vergangenheit ihrer eigenen Familie gemacht. Während Josef nach und nach von seiner düsteren Vergangenheit berichtet, ist Sage immer mehr einem inneren Kampf ausgesetzt und beginnt daher sich mit der Vergangenheit ihrer eigenen Familie auseinanderzusetzen. Ihre Großmutter, eine Überlebende eines Konzentrationslagers, ist ihr dabei zunächst keine große Hilfe, die sie eigentlich nie wieder über ihre Vergangenheit erzählen wollte.
Letztendlich heißt es für Sage: Kann sie dem Menschen, der ihrer Familie, ihrem Volk so viel Leid zugefügt hat, verzeihen und ihm beim Sterben helfen? Oder ist der Hass auf ihn und seine Taten immer noch so groß, dass sie ihn leiden lassen möchte?

Jodi Picoult erzählt die gesamte Handlung aus mehreren Perspektiven. Dadurch gewinnt die gesamte Geschichte nach und nach immer mehr an Spannung und alles fügt sich zu einem wunderbaren Ganzen zusammen. Jodi Picoult knallt Josefs Taten allerdings nicht einfach so aufs Tablett, sondern lässt ihn seine Geschichte nach und nach erzählen. Dadurch kommt er auch als Mensch und nicht nur als Monster daher. Man begreift, wie er zu dem werden konnte, der er war.
Allerdings lässt Picoult nicht nur Josef, sondern letztendlich auch Sage Großmutter Minka zu Wort kommen, wenn es um die Aufarbeitung der Nazizeit geht.

Dieser Roman ist mit so viel Gefühl geschrieben, dass ich nicht anders konnte, als mich darin zu verlieren. Beim Lesen blieb ich oftmals sprachlos berührt zurück, da einem insbesondere die Erzählungen Josefs nicht kalt lassen. Wird er zunächst als alter gutherziger Mann dargestellt, der jahrelang Deutschunterricht an der örtlichen Schule abgehalten hat und Schiedsrichter beim Kinder-Baseball war, stellt Josef sich in den Erzählungen über seine Vergangenheit in der Nazizeit als komplett anderer Mensch dar.
Mit Sage und Josef hat Picoult zwei überaus interessante Charaktere gewählt: Sage ist eine eher introvertierte Persönlichkeit, die von sich selbst nicht gerade das beste Bild hat. Sie lebt ein zurückgezogenes Leben und hat eine Affäre zu einem verheirateten Mann. Josef ist zunächst der gute Großvater, wie er im Buche steht und zeigt auf, dass jeder eine dunkle Vergangenheit haben kann.

Der Roman verfügt über so viel Authentizität, dass man das Gefühl hat alles real mitzuerleben. "Bis ans Ende der Geschichte" ist definitiv kein fröhliches Buch, sondern wird überschattet von einer Menge Grausamkeit, Angst und Hilflosigkeit. Mir gefällt es, dass die Geschehnisse der Vergangenheit vom "Täter" und "Opfer" geschildert werden. Insbesondere Minkas Berichte als Holocaust-Überlebende machen klar, dass auch 70 Jahre später nichts vom Entsetzen verloren gegangen ist.
Man sollte meinen, dass es einer Amerikanerin schwer fällt, die Geschehnisse des Holocausts so glaubhaft nieder zu schreiben wie hier. Aber ich muss sagen, dass man merkt, dass Picoult sich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt hat. Sie geht zugleich mit relativer Nüchternheit und aber auch mit außergewöhnlichem Tiefgang an die Erzählungen der Vergangenheit heran. Dabei urteilt sie nicht offen, sondern lässt den Leser selbst entscheiden, wie er Josef wahrnimmt.

Meiner Meinung nach ist dies eine sehr eindrucksvolles Buch, dass einem auch nach dem Lesen noch eine ganze Weile beschäftigt. Jodi Picoult schafft es perfekt ein so schwieriges Thema sensibel anzugehen und das Ganze packend und mit den passenden Emotionen in eine Romanhandlung zu verknüpfen. Hier ist einfach alles stimmig. Dies ist zum Einen eins der besten Romane von Jodi Picoult und für mich auch ein der besten Romane diesen Jahres!
Daher bekommt dieser Roman von mir wohlverdiente 5 (von 5) Punkten!

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